Intuition und Focusing

Wenn Entscheidungen schnell fallen müssen, entscheiden wir intuitiv – aus dem Bauch heraus. Aber sind intuitive Entscheidungen überhaupt zu verantworten? Geht es dabei nicht unbestimmte Gefühle, um etwas nicht Fundiertes?

Die moderne Intuitionsforschung zeigt uns, was sich hinter der Intuition verbirgt. „Die unbewussten Teile unserer Intelligenz können entscheiden, ohne dass wir – das bewusste Selbst – ihre Gründe kennen oder überhaupt wissen, dass eine Entscheidung längst gefallen ist.“ schreibt  Gigerenzer, Professor für Bildungsforschung am Max-Planck-Institut Berlin.

Das Ideal der Logik

Wir leben in einer Welt, die Logik idealisiert. Die beste Entscheidung trifft man, so wird uns suggeriert, in dem man alle Möglichkeit abwägt, bewertet und dann rein sachlich entscheidet. Nun sind wir oft in unseren täglichen Entscheidungen meilenweit davon entfernt, Entscheidungen auf Basis einer bis ins kleinste durchdachten Logik zu treffen. Trotzdem gilt die analytisch logische Vorgehensweise als das Ideal einer guten Entscheidung. Eine Vielzahl von Ratgebern predigt uns diesen Weg und ein Heer von Unternehmensberatern lebt davon in der Wirtschaft.

Aber genau diese Vorgehensweise wurde jahrelang nie wissenschaftlich untersucht und als man es tat, stellte sich heraus, dass oft die Logik unserer Intuition unterlegen ist. Der Sozialpsychologe Timothy Wilson erforschte dies, indem er Frauen, die an einem Experiment mitgewirkt hatten, ein Poster schenkte, welches sie sich aus fünf verschiedenen Postern selbst heraussuchen durften. Die Hälfte der Frauen musste vorher für jedes einzelne Poster erläutern, warum es ihnen gefiel bzw. missfiel, bevor sie auswählen durften. Die andere Gruppe entschied sich für das Poster einfach aus dem Bauch heraus. Nach vier Wochen wurden alle Frauen befragt, wie ihnen das Poster jetzt gefiel. Interessanterweise waren die Frauen, die ihr Poster aus dem Bauch heraus ausgewählt hatten, deutlich zufriedener mit ihrer Entscheidung als die Gruppe, die ihre Entscheidung rationalisiert hatte. Eine logische Erklärung hatte nicht zu einem besseren und zufriedenstellenden Ergebnis geführt – das Gegenteil war der Fall.

Wir alle wissen, dass wir in Liebesdingen uns nicht von Logik leiten lassen. Es gibt nur wenige Fälle in unserer westlichen Kultur, in der die Partnerwahl rein abwägend nach der Logik getroffen wird. Noch weniger Fälle sind bekannt, bei dem es zu einem zufriedenstellenden Ergebnis geführt hätte. Bei der wichtigsten Entscheidung im Leben, der Partnerwahl (ich denke jedenfalls, dass es die wichtigste Entscheidung ist), verlassen wir uns keineswegs auf die Logik, sondern auf das Bauchgefühl.

Für den Psychologe Prof. Dr. Gerd Gigerenzer sind Intuitionen Erfahrungswissen aus unserem Unbewussten. Dies können einfache Erfahrungsregeln (Heuristiken) sein. Unser Unbewusstes weiß, welche Regel in welcher Situation am besten funktioniert. Ein Beispiel für solch eine einfache Regel zeigt Gigerenzer in einem Experiment, das in der Finanzwelt mit Verunsicherung aufgenommen wurde. Im Jahr 2000 nahm er an einem von der Wirtschaftszeitung Capital ins Leben gerufenen Wettbewerb teil. Es ging darum, ein Aktienpaket von 50 verschiedenen Werten möglichst gewinnbringend über 6 Wochen zu verwalten. Zehntausend Teilnehmer waren dabei, darunter auch der Chefredakteur, der als ausgewiesener Fachmann als Referenz für alle Teilnehmer festgelegt wurde. Während die meisten der Teilnehmer versuchten, mit umfangreichen Marktbeobachtungen und darauf basierenden Berechnungen ihr Aktienpaket zu optimieren, befragte Gigerenzer 100 beliebige Menschen auf der Straße welche der 50 verschiedenen Aktienwerte sie kannten. Er kaufte die 10 am meisten genannten Aktien und hielt diese die gesamten 6 Wochen. Mit dieser einfachen Strategie die viele Menschen anwenden – kaufe was du dem Namen nach kennst und mache dann nichts mehr – erzielte sein Aktienpaket bessere Gewinne als 88 % der Teilnehmer. Er erzielte, trotz eines sehr ungünstigen Aktienmarktes, einen Gewinn von 2,5 % während der Chefredakteur 18,5 % verlor. Dies ist ein Beispiel für eine einfache Strategie, die wir wählen, wenn wir keine Erfahrung in einem Bereich haben: wir wählen etwas, was wir kennen. Der Erfolg dieser Strategie wurde in weiteren Experimenten bestätigt.

Das Fazit von Professor Gigerenzer lautet: „Wir sollten auf unsere Intuition vertrauen, wenn wir über Dinge nachdenken, die schwer vorauszusagen sind, und wenn wir wenig Informationen haben.“

Focusing und Intuition

In unsere Bildungssysteme werden wir auf logische Abwägungen und Entscheidungen trainiert und das ist im Großen und Ganzen auch gut so. Leider wird aber die Intuition immer noch als unwissenschaftlich und sozusagen nicht vertrauenswürdig dargestellt. So haben wir meist verlernt, auf unsere Intuition zu hören.

Ich bin der Meinung, dass wir mit Focusing ein ausgezeichnetes Werkzeug in der Hand halten, um uns mit unserer Intuition zu verbinden. Intuition äußert sich nicht sprachlich. Sie ist mehr ein Gefühl, wir sprechen ja oft auch vom Bauchgefühl. Focusing gibt uns die Möglichkeit, dass wir uns mit unserem „Bauchgefühl“ direkt auseinandersetzen. Indem wir achtsam unser Befinden wahrnehmen, können wir die Signale unsere Intuition erkennen.

Anleitung

Hier ist eine einfache Anleitung, um eine intuitive Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten (z.B.: A und B) zu treffen:

  1. Setze dich an einen ruhigen Ort, sei achtsam und sammele dich.
  2. Nimm wahr, was im Moment alles da ist.
  3. Stelle alles, was im Moment nicht mit der Entscheidung zu tun hat, auf die Seite.
  4. Stelle dir das vor, worum es geht. Nimm alle Empfindungen wahr.
  5. Stelle dir die Möglichkeit A vor. Nimm wieder alle Empfindungen wahr. Stelle dir die Fragen: Was ist das für ein Gefühl? Kann ich es benennen?
  6. Stelle dir die Möglichkeit B vor. Nimm wieder alle Empfindungen wahr und stelle dir die Fragen wie zuvor bei A.
  7. Pendele zwischen den Empfindungen beider Möglichkeiten hin und her.
  8. Wenn sich jetzt noch kein deutliches Gefühl für oder gegen eine der Möglichkeiten herausstellt, gehe zurück zu Punkt 4 und stelle dir zusätzlich noch die Fragen: Was ist das Besondere an dieser Möglichkeit? Was macht dieses Gefühl so wie es ist?

Lass dir Zeit für diesen Prozess.

Viel Erfolg bei der Entscheidungsfindung!

 

 

Quellen: 

  • Gerd Gigerenzer, Bauchentscheidungen
  • Eugen Gendlin, Focusing
  • Ann Weiser Cornell, Der Stimme des Körpers folgen